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Makroökonomie Bad Homburg, 09.06.2026 von Axel D. Angermann

Economics Update Juni 2026 - Kevin Warsh an der Fed-Spitze: Die Neuausrichtung der US-Geldpolitik

  • Renaissance des Monetarismus: stärkere Regelbindung, Verzicht auf Feinsteuerung und Verringerung der Bilanz der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) zu erwarten
  • Produktivitätsgewinne durch künstliche Intelligenz (KI) könnten längerfristig Zinssenkungen rechtfertigen – aktuelle Datenlage reicht dafür aber nicht aus
  • Fed dürfte Leitzinsen bis zum Jahresende auf dem derzeitigen Niveau belassen
  • Neuausrichtung der Geldpolitik ist kurz- und mittelfristig struktureller Belastungsfaktor für die Kapitalmärkte

Wenn der neue Fed-Vorsitzende Kevin Warsh in der kommenden Woche zum ersten Mal eine Sitzung des geldpolitischen Entscheidungsgremiums der US-Notenbank leitet, könnte dies den Beginn einer grundlegend veränderten Ausrichtung der Federal Reserve markieren. Darauf deuten seine kritischen Äußerungen zur Geldpolitik der vergangenen zwei Jahrzehnte hin. Seine Einwände sind grundsätzlicher Natur: Er betrachtet sowohl Quantitative Easing und die damit verbundene enorme Ausweitung der Zentralbankbilanz als auch die Vermischung von Geld- und Finanzpolitik mit Skepsis. Das lässt in der Konsequenz eine Abkehr von der Geldpolitik erwarten, die seine drei Vorgänger Ben Bernanke, Janet Yellen und Jerome Powell geprägt haben. 

Was könnte stattdessen zum Leitbild des geldpolitischen Handelns werden? Kevin Warsh sieht sich selbst als Schüler Milton Friedmans und steht damit einem monetaristischen Ansatz nahe. Dessen zentrale These lautet, dass Inflation ausschließlich ein monetäres Phänomen sei, sie also durch eine übermäßige Ausweitung der Geldmenge verursacht werde. In der Praxis könnte das bedeuten, dass die US-Geldpolitik wieder stärker einem regelgebundenen Ansatz folgt (wie zuletzt in den 1990er-Jahren unter Alan Greenspan) und auf eine aktive Feinsteuerung von Konjunktur und Arbeitsmarkt verzichtet wird. Die Verringerung der aufgeblähten Fed-Bilanz und der Verzicht auf die sogenannte Forward Guidance wären unmittelbare Konsequenzen. Man darf gespannt sein, ob Warsh insbesondere den letzten Punkt schon im Juni umsetzt und die Fed auf eine Aktualisierung der bislang vierteljährlich vorgenommenen geldpolitischen Projektionen verzichtet.

Eine Neujustierung der Geldpolitik nach monetaristischen Maßstäben ließe vorerst keine Zinssenkungen erwarten. Sie würde deshalb mit Sicherheit nicht den Erwartungen von US-Präsident Donald Trump entsprechen, der Warsh als Fed-Chef nominiert hatte. Warsh selbst hat versucht, den potenziellen Konflikt mit Trump durch den Hinweis auf die disinflationären Wirkungen KI-bedingter Produktivitätsgewinne zu entschärfen. Diese würden prinzipiell Zinssenkungen erlauben. Das scheint im Grundsatz und auf längere Sicht durchaus möglich. Die bestehende Datenlage gibt allerdings keine belastbaren Hinweise darauf, dass dieser Effekt bereits heute greift. Eine Option für den neuen Fed-Chef wäre es, in der Hoffnung auf zeitnah eintretende Produktivitätsgewinne bereits vorab die Zinsen zu senken. In einem Umfeld steigender Inflationsraten infolge der hohen Energiepreise ist dies mit Blick auf die Verankerung der Inflationserwartungen allerdings sehr riskant. Da die Marktteilnehmer Zinssenkungen der Fed im laufenden Jahr vollständig ausgepreist haben, dürfte Warsh dieses Risiko wahrscheinlich nicht eingehen und das Produktivitätsargument lediglich dafür verwenden, auf Zinserhöhungen bis auf Weiteres zu verzichten. 

Möglicher Belastungsfaktor für die Kapitalmärkte

Für die Kapitalmarktakteure hätte eine solche Neuausrichtung der Geldpolitik unangenehme Folgen: Eine regelgebundene Geldpolitik, die die Rolle der Notenbank als Käufer von Staatsanleihen verringert, führt zu höheren Langfristzinsen. Sie belastet also unmittelbar die Anleihemärkte und wirkt wegen der Konsequenzen höherer Zinsen für die Realwirtschaft auch tendenziell negativ auf die Aktienmärkte. Noch unangenehmer dürfte aber der Verzicht auf die Feinsteuerung sein. Damit würden die Erwartungen der Marktteilnehmer für die Notenbank eine deutlich geringere Rolle spielen als derzeit. Insbesondere Aktieninvestoren konnten sich über zwei Jahrzehnte hinweg darauf verlassen, dass die Währungshüter allzu große Kapitalmarktverluste vermeiden wollten. Dies war nicht der einzige, aber doch ein relevanter Faktor für die außerordentlich positive Entwicklung der Aktienmärkte über einen langen Zeitraum hinweg. Sollte dieser Faktor künftig entfallen, könnte dies durchaus in einen schmerzhaften Entzugsprozess münden.

Ob sich die hier beschriebenen Erwartungen erfüllen oder nicht, werden wir im Anschluss an die Juni-Sitzung der Fed nicht vollständig beantworten können. Die kommenden Fed-Meetings sollten aber nicht nur mit Blick auf die Zinsentscheidungen verfolgt werden, sondern vor allem auch unter dem Gesichtspunkt, wie sich die Geldpolitik im Grundsatz verändert. Es dürfte spannend werden.


Autoren
Angermann Axel
Axel D. Angermann

Head of Economics & Chief Economist

Pressekontakt
Schlerf Roger
Roger Schlerf

Managing Director Corporate Communications